Nufenenpass in der Schweiz (2478 Meter)  

Leseprobe aus
Hors Catégorie - Eine Radreise in den Alpen
von Markus Tischler

 
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Bilder zur Tour

 
    Alpenpässe

 
    Pyrenäen/Alpen '05

 

Etappenplan zur Tour:

 
    Alpen-Tour 2003

 

Weiterführende Links

 
    www.alpenradtouren.de

 
    www.velofahren.de

 
    www.gehspitze.de

 

Ausrüster

 
    www.graeber-raeder.de

 

Hors Catégorie -
Eine Radreise in den Alpen

ISBN 3-8334-0959-2
EAN 9783833409592

 

Auszug aus Kapitel: Zwischen Himmel und Hölle

 

  Ich verlor Oliver auf dem Weg nach St-Michel-de-Maurienne schnell aus den Augen, was ob meiner Sehschwäche allerdings auch nicht so schwierig war. Die N 6 führte leicht abschüssig durch das Tal der Arc und verlor auf 40 Kilometer Länge bis zu dem Ort fast 700 Höhenmeter. Ich war so in Fahrt, dass ich an einem Kreisel die Auffahrt zur Autobahn wählte, meinen Irrtum aber noch rechtzeitig bemerkte und ohne Polizeigeleit wieder auf die N 6 zurückkehrte. In St-Michel-Maurienne traf ich wieder auf Oliver. Wir vertrödelten ein paar Minuten in dem Ort, bevor wir das Unternehmen Galibier angingen.

 

  Auf dem Weg zu dem oft als „Dach der Tour“ bezeichneten Pass war der Télégraphepass auf der Nordseite ein nicht zu umgehendes Übel. Obwohl er von der Direktion der Tour de France nur als ein Berg der 2. Kategorie eingestuft wurde, musste man auf knapp zwölf Kilometern 858 Meter Höhenmeter bewältigen. Ich trat an dem Vorboten des Galibier ruhig und gleichmäßig in die Pedale, wischte mir ab und an den Schweiß aus dem Gesicht und kam in einem Rutsch auf dem Felsvorsprung an, um den sich die Straße am Ende des Anstiegs wand, um dann wieder hinab nach Valloire zu führen. Ich stellte mein Rad an die Seite, setzte mich auf eine Mauer und blickte auf das Tal der Arc, den Croix des Têtes, den Perron des Encombres und die Gletscher der Péclet-Polset-Gruppe. Ein paar Wolken schwebten am Himmel, aber die Sonne hatte die Bühne meistens für sich allein. Als Oliver eintraf, verabredeten wir einen Treffpunkt in Valloire. Ich fuhr die fünf Kilometer in den 136 Meter tiefer gelegenen Skiort hinab, kaufte bei einem Bäcker ein Stück Kuchen und zwei Dosen Fanta ein und traf ihn dann am Ortsausgang wieder.

 

  Oliver brach auf, während ich an einem Bach noch meine Trinkflaschen mit kaltem und klarem Wasser füllte. Und dann hing auch ich in der ersten fürchterlichen Rampe des 17 Kilometer langen und mit etlichen Gemeinheiten gespickten Anstieges hinauf zum Galibier. Ein Berg, der in den ersten einhundert Jahren der Tour de France 50 Mal im Programm gestanden hatte. Ein Berg, vor dem auch die Radprofis Respekt hatten. Ein Berg, an dem der Spanier Francesco Cepeda 1935 auf der Abfahrt nach Le Bourg d'Oisans so schwer stürzte, dass er wenig später verstarb. Ein Berg, an dem der Deutsche Erich Bautz ebenfalls im Jahr 1935 wegen mehrfacher Pannen den Kampf um das Gelbe Trikot verlor. Ein Berg, an dem ein erschöpfter Jan Ullrich 1998 auf der 15. Etappe im Regen und Nebel von Marco Pantani abgehängt wurde und damit das Gelbe Trikot an den Italiener abtreten musste.

 

  Vom ersten Tritt an zog ich den Télégraphepass im Schlepptau hinter mir her. Neun Kilometer und 531 Höhenmeter waren es bis zum Rastplatz Plan Lachat unterhalb des Aiguilles d'Arves, und der Anstieg entlang des Flusses Valloirette sog die Kraft aus meinen Oberschenkeln, dass ich an dem kleinen Gasthof müde vom Rad stieg und mich nicht nur angesichts der aufziehenden Regenwolken fragte, wie zum Teufel ich den Galibier bezwingen wollte.

 

  „Das ist echt ein Schweineberg“, schimpfte Oliver, der ebenso wie ich ein Pause einlegte. Beide starrten wir auf die nächste Rampe über unseren Köpfen. Ein Wohnmobil bewegte sich als heller Fleck vor der graubraunen Wand langsam die Straße hoch. Der schlimmste Teil des Anstieges lag vor uns: neun Kilometer Asphalt, 700 Höhenmeter. Ich bekam Angst. Angst vor den Schmerzen der nächsten Stunde. Keine Frage: Meine Psyche hatte auf dem Weg hierher einen Plattfuß erlitten.

 

  „Ich habe keine Ahnung, wie ich das packen soll“, sagte ich zu Oliver. „Aber wir sehen uns oben.“

 

  Ich erreichte den Pass in einem Zustand zwischen Himmel und Hölle. Die letzten Kilometer nahm ich nur noch in einem Nebel aus Schweiß, leichtem Regen und meinem dampfenden Atem wahr. Der Anblick der Kehren raubte mir fast die Sinne. Immerhin registrierte ich, dass der 1979 geschlossene Scheiteltunnel knapp einen Kilometer vor der Passhöhe nun wieder geöffnet war. Und auch die junge Frau, die auf den letzten 1000 Metern auf ihrem Rennrad Stehversuche machte, behielt ich in Erinnerung, weil ich sie später am Passschild fotografieren durfte. Die letzten 300 Meter wurden zu einer Tortur, über die ich mich nur mit einem einzigen Gedanken rettete: Du hast es gleich geschafft, geschafft, geschafft!

 

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